Abschied von Frau Morgenthaler

Wer im neuen Jahr das Sekretariat des Einstein-Gymnasiums aufsucht, wird einen vertrauten Anblick vermissen. Ursula Morgenthaler, die 36 Jahre lang Generationen von Schüler:innen, Lehrer:innen sowie sechs Schulleitungen unterstützend zur Seite stand, geht in den Ruhestand. Im November 1989, zur Zeit des Mauerfalls, kam sie als Krankheitsvertretung an die Schule: Aus den ursprünglich geplanten 4 Wochen wurden Jahrzehnte. Wie hat sie diese ersten Tage am neuen Arbeitsplatz empfunden? „Aufregend und unsicher“, erinnert sie sich zurück: „Aber es wurde besser durch meine ehemalige Kollegin Frau Bruder, die mich unter ihre ‚Fittiche‘ nahm und durch den damaligen Schulleiter Dr. Bierhalter, der mir mit seiner ruhigen und gelassenen Art sehr geholfen hat, mich am ‚Einstein‘ einzufinden.“ Damals sah ihr Arbeitsplatz natürlich anders aus als heute und auch das „Einstein“ befand sich noch lange vor manchen Veränderungen, die den Schulbetrieb heute prägen. Weder existierte zum Beispiel der Bau der Tulla-Realschule in direkter Nachbarschaft noch der verglaste Rundbau, in dem die Cafeteria und das heutige Lehrerzimmer unterkamen. Während manche Lehrkraft noch Kopien mit Matrizen im Dunkelraum erstellte, tippte man im Sekretariat am Holztisch auf der Schreibmaschine. Einzelne Lehrkräfte qualmten noch im Raucherzimmer und auch die Schüler:innen bevölkerten auf dem Schulgelände benachbart zum Hallenbad eine große Raucherecke am Fahrradständer. Und in den Pausen verkaufte der alte Hausmeister Manfred Kuhn Milchschnitten, Müsli-Riegel, Kakao- und Milchsorten in kleinen Glasflaschen. Ursula Morgenthaler war in der Zeit vor dem digitalen Boom neben der Bücherausgabe besonders mit zahlreichen Fahrschülern beschäftigt, die mit ihren Unterlagen den „blauen Schein“ zum Preisnachlass für die Busunternehmen beantragen wollten. Mit der Zeit wandelte sich nicht nur der Arbeitsplatz, sondern auch ihre Tätigkeiten hin zur Unterstützung und Vertrauten der Schulleitung. Fünf Schulleiter und eine Schulleiterin hat sie in ihrer Zeit am „Einstein“ begleitet: „Die Zusammenarbeit war mit allen Schulleitungen sehr gut. Bei jedem Ausscheiden war ich sehr traurig“, blickt Ursula Morgenthaler zurück und fügt hinzu: „Glücklich war ich dann wieder, weil mit jeder neuen Schulleitung wieder ein respektvolles und vertrautes Arbeiten möglich war. Das Klima in der Verwaltung war sehr gut.“
Dass man auch mit jungen Menschen gut auskommen sollte in ihrer Position, wird verständlich, wenn man einen Vormittag im Sekretariat verbringt. Anrufe, Krankmeldungen, Durchsagen, verlorene Gegenstände, kleine Verletzungen, große Sorgen – kaum vergehen fünf Minuten, in denen es nicht Besuch im Sekretariat gibt: Und wenn es kein Schüler ist, dann steht ein Lehrer da mit einem Anliegen, Dokument oder einer Frage. Dass sich die Schüler:innen im Laufe ihrer Jahre am „Einstein“ verändert haben, kann Ursula Morgenthaler bestätigen: „Ja, sie sind weniger eingeschüchtert und wurden selbstbewusster und fordernder. Aber ich werde die Jugendlichen vermissen. Man bekommt einen anderen Blick auf die Jugend, wenn man tagtäglich mit ihnen zu tun hat.“ Gerührt ist sie auch, wenn wie seit Jahren ehemalige Schüler ihre Kinder bei ihr am „Einstein“ anmelden, und manche sind sogar als Lehrkräfte zurückgekehrt.
In den vielen Arbeitsjahren bleiben Ursula Morgenthaler natürlich auch traurige und glückliche Erlebnisse in besonderer Erinnerung, die sich vom normalen Schulrhythmus abgehoben haben. Zu den besonders glücklichen zählt sie die 100-Jahr-Feier im Jahr 1995. Zu den besonders aufregenden Phasen die alljährliche Zeit rund um das Abitur, das in der Organisation „immer zu 100% immer klappen musste“. Drei von vielen schönen Erinnerungen handeln von Schülern, verrät Ursula Morgenthaler rückblickend: „Ich hatte einen Schüler, der mir von der fünften bis zur siebten Klasse zu Weihnachten immer einen Stern bastelte – ab der 8. Klasse war es dann uncool der Sekretärin einen zu basteln. Ein anderer Schüler, der sich im Ton vergriffen hatte, brachte mir anschließend einen selbstgepflückten Wiesenstrauß. Und ein Abiturient sang mir bei der Abiturfeier ein selbst gedichtetes Lied.“ Holztisch und Schreibmaschine sind schon lange aus dem Sekretariat verschwunden, neben dem Telefon, das noch immer regelmäßig klingelt, bestimmen Mails und eine Schul-App die tägliche Kommunikation. Aber Andrang gibt es nach wie vor reichlich im Sekretariat, das jeden Tag immer frühmorgens als Erstes besetzt ist. Für Ursula Morgenthaler sind es nun im Dezember dennoch die letzten Arbeitstage, die sie auch sehr wehmütig machen: „Vermissen werde ich all die Menschen, die ich mit der Zeit sehr lieb gewonnen habe.“ Aber – das kann man ihr wohl auch nicht verübeln nach so vielen Jahren im Dauereinsatz in der Verwaltung: „Ich freu mich auf mehr Zeit für mich selbst.“ Das wünschen ihr die Schulgemeinschaft und sicherlich viele Ehemalige von ganzem Herzen.

(Hbr)

Ursula Morgenthaler
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